Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
Kommentare, Anregungen, Anfragen direkt zu diesen Notizen bitte an mich unter: Ekkes.Frank@libero.it
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   Persönliche Anmerkungen
Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt. Italien - ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue Nachbarn. Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die Unverbindlichkeit, nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu können in eine vertraute, bekannte Lebensform. 
Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich bleibe ja, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.
Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede. Eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen.

Notizen (20):
Runter in die Zivilisation

Der Tag der Heiligen drei Könige – ein Feiertag hier in Italien, so wie ja auch in Baden-Württemberg oder Bayern, natürlich, hat in all diesen Ländern doch das Christentum seine wahre Endform erreicht, weit weg von den manchmal ein bisschen einfallsarmen Darstellungen der Bibel, in der z.B. weder das Ehrfurcht gebietende Beiwort „heilig“ im Kontext mit diesem heutigen Festtag überliefert wird noch die magische Zahl „drei“, geschweige denn etwas von „Königen“ (die Rede ist bloß von „den Weisen aus dem Morgenlande“) – an diesem Tag also ereignet sich auch bei uns im ganz privaten Rahmen ein weiteres Wunder: es geht hinunter in die Zivilisation.
Ursprünglich war ja geplant gewesen, schon den wundersamen Heiligabend in dem (ehemaligen) Stall zu begehen (christlichen Assoziationen entgeht man hier wahrlich nur selten); aber das widerliche Wetter und die diesbezügliche Sorglosigkeit der Baufirma hatten das unmöglich gemacht. Immerhin also diese fromme Gemeinsamkeit mit dem trauten hochheiligen Paar: zugig, ungeheizt, sonst hatten wir keinen Raum in der Herberge, nicht mal eine Kuh wärmte ein bisschen, den Esel habe ich in Personalunion mit dem Josef selbst gegeben.
Apropos Wetter: seit zwei Tagen strahlt die Sonne aus wolkenlosem Himmel, im Windschatten ist es fast fürs T-Shirt zu warm, das azurblaue Meer plätschert harmlos an den leeren Sandstrand vor dem Restaurant, in dem ich zu Mittag esse. Wenn ich es nicht anders wüsste, könnte ich mich fragen, wozu um alles Gas der Welt man hierzulande eine Zentralheizung braucht. Aber den Schnee gab es hier im letzten Jahr auch erst Ende Januar (und Ende Februar auch noch mal), und nachts ist es, bei sternklarem Himmel schon jetzt eher eisig. Kein Bedauern also über das Verlassen der oberen Räume im Casa Adagio, in denen man morgens noch lang nach dem Frühstück den eigenen Atem durch die Luft wandern sieht, weil undichte alte Fenster mit ihrem dünnen einfachen Glas (und stückweise wo nötig durch Pappstücke ersetzt) die Wirkung des Gasflaschenofens – trotz Verstärkung durch ein mächtiges Kaminfeuer – so schwächen, dass die gegen Abend erreichten siebzehneinhalb Grad Celsius schon als richtiggehend warm empfunden werden. Keine verschämte Entschuldigung auch dafür, dass im Erdgeschoss nun neue, dichte Doppelglasthermofenster und solide (und auch noch durchaus formschöne) Heizkörper in Zimmer und Bad eine neue Wertschätzung zivilisatorischen Fortschritts hervorrufen, was wir in der BRD allzu lange als selbstverständlichen Standard angesehen hatten. Vorbei endlich die Zeiten, in denen Restaurants wie dieses „Luna Rossa“ hier am Strand von Senigallia nicht so sehr wegen der hervorragenden Küche aufgesucht wurden, sondern vor allem wegen der angenehm temperierten Atmosphäre.
Das neu gewonnene, erarbeitete – nicht geschenkte – Wohlbehagen ermöglicht auch die gelassene Aufnahme und Verarbeitung der Nachrichten aus dem immer ferneren Deutschland; etwa die Berichte über die neuesten Heldentaten der Schröfischköpfe in Berlin, deren asoziale Realo-„Reform“politik längst mit dem guten alten Grundgesetz ebenso wenig zu tun hat wie das eingangs erwähnte zeitgenössische Christentum mit der guten alten Bibel. Warum wohl der gute alte Herrgott seine Tsunamis nicht über Europa und die USA hat rollen lassen? Zu Noahs Zeiten jedenfalls, so liest man, hat er noch gezielt bestraft.
Oh nein! Das ist natürlich kein Wunsch und schon gar kein frommer! Wie könnte ich auch so idiotisch sein und damit die Zerstörung auch all dessen herbeiwünschen, was wir jetzt an Zivilisation da unten in unserm Haus, da unten im guten alten Italien genießen dürfen. Und die weiteren Aussichten sind ja ebenfalls heiter, jetzt, wo es auch mit den Außentemperaturen wieder langsam aufwärts geht, wo die Tage länger werden, also: wo auch die Natur wieder zu jenem zivilisatorischen Standard findet, den wir in diesen Breiten so schätzen…

Januar 2005
Schnipsel 1

Verdienstvoll

In der Debatte um Nebeneinkünfte der Abgeordneten ist bisher einer der wichtigsten Aspekte außer Acht geblieben: unsere Volksvertreter machen damit doch unübersehbar klar, dass auch in der rotgrün reformierten BRD ein Job allein nicht mehr ausreicht, um den Lebensunterhalt einer ganz normalen Familie zu sichern.

 

Schnipsel 2

Grauenhaft

Die Folgen des Tsunami 2004 sind schrecklich. Weit grauenhafter aber, so vermuten transdemokratische Experten, werden weltweit die Konsequenzen des US-amerikanischen Polit-Tsunami sein. Derzeit am meisten gefährdet: der Iran. Wenn die nächste christfundamentalistische Demokratie-Welle dort wirklich zuschlägt, dürfte der von der Bush-Administration gesundgebombte Irak dagegen wirken wie eine intakte ClubMedAnlage. Meinen die zitierten Kenner.

Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio