| Wer den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an
die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass
sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende
Zählung fort.
Kommentare, Anregungen, Anfragen direkt zu diesen Notizen bitte an mich unter: Ekkes.Frank@libero.it |
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Persönliche
Anmerkungen
Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich bleibe ja, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher. Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede. Eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen. |
ABANO TERME. HOTEL CRISTOFORO
Noch vor ein paar
Jahren wäre ich schreiend von hier weggerannt. Die Szenerie ist ja
auch schwer noch zu steigern – dieser riesige Speisesaal, die Decke vier
Meter hoch, getragen von fünfzehn mächtigen Säulen, strukturiert
durch zwei schwimm-badgroße Vertiefungen, himmelblau schwammtechnik-gestrichen,
daraus hängen drei überdimensionale Kronleuchter herab, in Gestalt
des Columbus-Schiffes "S. Maria", fast in Originalgröße, die
Planken aus zartrosa und weißem geriffeltem Glas, blaue Ankerchen
am Bug, auf den hellgelben drei Segeln die blutroten Kreuze…
Unter alledem gut
hundert Tische, Landhausstil mit einem kleinen Kunstblumenstrauß
drauf, teils für zwei Gäste (oder einen: wie mich), die Mehrzahl
für vier. Nur sieben Tische sind besetzt. Das ist nicht nur der Jahreszeit
geschuldet: heute ist auch, in einer Kneipe in der Nähe, ein „Fest“.
Mit Tanz, hat die freundliche junge Frau an der Rezeption erklärt,
und als ich, leicht entsetzt, abwinkte, hat sie gegrinst, mit Blick auf
die Gruppe dort in der Ecke – sechs, acht hörbare Österreicher
mit Frauen, Trachtenanzüge samt Gamsbarthut, auch hier in der Lobby
nicht vom Quadratschädel genommen. Ein paar Sachsen dazu, etwas entfernt
davon. Deutsch dominiert also, als Sprache, an der Rezeption wie bei den
Obern und bei diesen Gästen natürlich sowieso. Irgendwie, auch
wenn sie beide es nicht wirklich wollen, gehören sie enger zusammen
als die derzeitige Staatenordnung es ausweist, Austria und Germania.
Und wie komme ich
in dieses Szenario? Und wieso bleibe ich?
Kurz gesagt: es
ist das Ergebnis von mehr als einem Jahr fast ununterbrochener harter Arbeit,
körperlich wie geistig, an diesem Haus in den Marken. Dazu und gleichzeitig
die Lebensumstellung, Schwergewicht jetzt aufs Private verlegt, Abnabelung
vom politischen Mutterkuchen. Und: das Wagnis der Erneuerung einer alten,
zerbrochenen Beziehung. Nicht zuletzt: der Eintritt ins Rentenalter. Jeder
Teil schon Grund genug für das Resultat, vor kurzem: Nervenkollaps.
Nicht wirklich dramatisch, aber heftig genug, um den Rat der Partnerin
ernst zu nehmen: eine Auszeit ist angesagt. In einer Erinnerungswolke aus
einem meiner früheren Leben wabert vage ein Name herbei: Abano Terme.
Kurort…
Eine Kur??? O Gott
nein – der Begriff ist besetzt: gebrechliche Greise beim verzweifelten
Versuch, verlorene Potenzen durch Schlammpackungen zurückzuzwingen,
albern kichernd hinter den Tröstungen herhechelnd, die abgehärmte
(oder verfettete) Kurschatten zu spenden vorgeben. Einmal pro Woche Tanz.
Einmal Kurkonzert: Musiklehrerstreichquartett aus der übernächsten
Kreisstadt; oder ausgemusterte Popstars von einst auf Bädertournee
– Roberto Blanco für arme Kranke.
Inzwischen wird
dieser damals so bedeutende Wirtschaftszweig nicht mehr subventioniert
durch großzügige Krankenkassen. Der Zwang, sich zu behaupten,
hat zu Änderungen geführt; statt „Kur“: Wellness (oder hier eben
„Benessere“), die einstigen „Anwendungen“ heißen “Lymphdrainage Methode
Vodder“ oder „Hydrokineiotherapie“ oder „Ayurveda-Massage“.
Aber diese Camouflage
ändert ja nichts am Kern. Auch heute paddeln todmüde Ausgemusterte
im Zeitlupentempo durch das heiße Wasser der Therme. Und das Gesamtbild
wird kaum besser dadurch, dass am zweiten Abend meines Aufenthaltes hier
fast nur noch italienische Alte hier sind.
Also bitte, noch
mal: warum bleibe ich hier, und das auch noch durchaus gerne? Verschiedene
Gründe. Erstens bin ich freiwillig hier, kein Arzt, keine Kasse haben
mich hierher überwiesen. Dann: ich habe schon immer ein Faible für
die Vor- und Nachsaison gehabt. Jetzt, Anfang Februar, ist hier sozusagen
die toteste aller Hosen. Nur eine Handvoll Hotels hat überhaupt geöffnet,
an den anderen wird gemächlich gehämmert, gemalt, ausgebessert,
für die neue Saison (auf-)gerüstet. Die Stadt hat den ganzen
Tag über etwas leicht Verpenntes, Langsames. Komisch bei dem wolkenlos
sonnigen Tag die vielen sichtbar reichen Frauen (oder: Frauen der Reichen)
in wulstigen Pelzmänteln, beim Shopping oder beim Ratschen im Café.
Baden-Baden auf Italienisch. Und auch das überzeugt: das Hotel Terme
Cristoforo lockt in dieser „Sondersaison“ mit Supertiefstpreisen, Einzelzimmer
mit Vollpension 63 €; die Angestellten haben Zeit für jeden
Gast, scherzen noch ausgeruht, geben geduldig auch auf Italienisch Auskunft.
Das Essen ist nicht Spitze, aber doch gut bis sehr gut. Und das Zimmer,
vor allem, könnte eines in Paris oder Amsterdam sein: in der
ganz neu gestalteten fünften Etage, geschmackvoll eingerichtet, breites
Einzelbett, großer Tisch zum Schreiben, breiter Balkon nach Südosten,
geräumiges modernes Bad – hier kann ich mich gut aufhalten, aufwärmen,
auftanken, aufbauen. Auch aufregen, kurzzeitig: im kleinen Fernseher gibt
es RTL, SAT 1, 3 sat und das ZDF. Dessen frisch haargefärbter Nachrichten-Kleber
barmt in „heute“ scheinheilig über die „Katastrophe“ der fünf
Millionen Arbeitslosen, die ein weiterer Mainzelexperte stolz auf „in Wahrheit
sieben Millionen“ hochrechnet. Eine Zahl, die des Kanzlers Clement mit
seinem hundetraurigen Blick als „fortschrittlich, weil endlich ehrlich“
benuschelt.
Aufbegehren? Aber
nein! Aufhören, aufhören!!! Den Apparat abschalten. Das gute
Buch nehmen. Ins gemütliche Bett legen.
Lesen.
Ausschlafen.
Erholen. Im großen
Thermalschwimmbad, innen wie außen. In der „Schwitzgrotte“ genannten
verschämten Quasisauna: die Leute lassen die Badeklamotten an… Und
bei Shiatsu- und Ayurveda-Massage, jeweils eine Stunde, offenbar fachkundig
– rilasciamento perfetto…
NEUN TAGE IM NOVEMBER
Ich brauche das
nicht. Neun Tage Köln, Anfang November 2004. Dabei ist es nicht so,
als ob ich gar keinen Spaß hätte, neben den Pflichtterminen,
die ich nacheinander abhake: Zahnarzt (Routinekontrolle), Internist (Blut
abzapfen lassen), Urologe (Krebsvorsorge), noch mal Internist (Untersuchung
und Besprechung). Kein Befund, nirgendwo, alles in bester Ordnung (selbst
die Leberwerte, trotz des vielen guten Weines in den Marken…). Ich weiß,
inzwischen noch genauer als früher schon, was für ein Glück
das ist, mit zunehmendem Alter, immerhin bin ich seit drei Monaten anerkannter
Rentner.
Spaß also
auch beim Pflichtprogramm.
Mehr natürlich
bei der Kür: Besuch der Lokale von damals, vietnamesische Fischsuppe
und gebratener Reis, Kölsch dazu, die gleiche herzliche Begrüßung
im Stammcafé SPITZ am Eigelstein, wo ich immer gesessen und geschrieben
habe; und noch mehr die Treffen mit Freundinnen und Freunden. Kaum genug
Zeit für alle, die mich gern sehen wollen, die ich gern sehen will.
Und immer die gleiche Antwort auf die gleiche Frage: ob es mir denn weiterhin
so gut gefällt, da unten in den Marken? Ein schlichtes, aber uneingeschränktes:
Ja.
Ich brauche das
nicht. Fernsehen zum Beispiel. Zunächst kam mir der erste Blick in
den Kasten noch vor wie eine freundliche Aufforderung an den in mir schlummernden
altbösen Satiriker: Rudolf Graf Pilati Scharping als Experte für
die deutsch-amerikanische Freundschaft bei Sabine Christiansen – ja, a
Woahnsinn!! Sofort abgeschaltet natürlich. Aber in den nächsten
Tagen diese gelegentlich reingezappten Fetzen der ARD-Berichterstattung
von dem Kasperletheater Kerry-Bush-Wahl zeigten mir wie Tagesschau und
Tagesthemen – das ist alles so fürchterlich uninteressant, unwichtig;
für mich…
Ich brauche das
nicht: diese Menschenmassen morgens, zum Beispiel, kurz vor acht auf dem
Bahnsteig 9 und im Nahverkehrszug von Köln über Bonn nach Koblenz
(ich muss ja Gottseidank nur bis Sechtem, das dauert 19 Minuten). Todmüde
Gesichter, Dunkle Ringe unter leeren Frauenaugen, kein Cajalstift und kein
Hinweis auf ausschweifend genossene Nächte der Lust), Männerkinne
mit verkrampft aufeinander gepressten Kiefern, böser Blick ins Leere
des überfüllten, stickigen Abteils.
Ja doch: diese
Stadt Köln ist dem Frohsinn verpflichtet, in wenigen Tagen geht es
wieder los, auf dem Altermarkt. Nur: er ist nirgends mehr zu spüren,
dieser Frohsinn. Und die Plakatserie der – na, wer sonst! – BILD-Zeitung
verstärkt noch den Eindruck von Elend und Trostlosigkeit: SUFFE, POPPE,
DANZE – wo es in unserer Stadt richtig abgeht. (Für Nichtkölner:
SAUFEN, FICKEN, RUMHOPSEN – warum eigentlich nicht KOTZEN?)
Ich brauche das
nicht.
Und auch das nicht:
diese Ängste und Sorgen. Um buchstäblich das tägliche Brot;
um das Kind, schon erwachsen und doch (noch) nicht lebensfähig; um
den Arbeitsplatz; um die eigene Gesundheit oder die der Familie; ganz allgemein:
um die Zukunft. Nein, das hab ich früher so nie erlebt (als es meinen
Eltern so ging, kurz nach dem 2. Weltkrieg, war ich noch zu klein, um das
mitzukriegen). Natürlich gab es auch früher schon Ängste
und Sorgen, Unzufriedenheiten und Ärger, Frust und Wut. Aber das war
anders: da gab es auch noch die Überzeugung, es ließe sich etwas
dagegen tun, es gab den Glauben an die Veränderbarkeit. Wenn wir erst
mal, beispielsweise, eine linke Regierung hätten (sorry: die SPD galt
ja mal wirklich als links…), ergänzt durch Leute aus der Friedens-
und Umweltbewegung, dann würden – ach was! Keine Revolution natürlich
– aber doch Schritt für Schritt Verbesserungen durchgesetzt, soziale
und außenpolitische. Hahaha! Rotgrün ist an der Macht, seit
1998, und als neue Höhepunkte der – im perfekten Orwell’schen Newspeak
„Reformen“ genannten – Gemeinheiten kommen aus eben diesen total vereichelten
SPD-Hirnen Anregungen wie die Abschaffung des 1. Mai als Feiertag oder
die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche. Und die Grünen waren
im Kosovokrieg so verlogen-idealistisch mit von der Schröder-Scharping-Partie
wie nicht einmal gestandene Konservative aus der Union. Die ja, wenn sie
denn wieder dran käme an die Regierung, nicht besser wäre (wenn
auch, so scheint es mir, nicht sooo viel schlimmer als Erfüllungsgehilfen
von Ackermännern, Rogowskis und der ganzen neoliberalen Global-Bagage).
Ich brauche das
nicht. Und, mehr noch: ich werde da nicht gebraucht. Weniger denn je. Illusionen
hatte ich nie (nun gut: selten…), dass mir irgendwann bescheinigt werden
könnte, ich hätte mich „verdient gemacht“ um (wenigstens einen
Teil von) Deutschland“.
Also zurück
in die Marken, aus der Stadt aufs Land, aus der Zivilisation auf die Baustelle.
Ach du lieber Himmel, ja: Berlusconi…!? Ich bin ja nicht blind. Aber hier
bin ich so weit weg von all dem Elend auch in diesem Land.
Eine unglaublich
schöne Gegend. Ruhe. Sonne. Zwanzig Minuten zum Meer. Nebelschwaden
als Herbstboten. Jeden Abend sehe ich den Fortschritt meiner eigenen Hände
Arbeit, am Haus, im Gelände, und ich belohne mich mit einem guten
Essen und einem herrlichen Rotwein.
Hier werde ich
gebraucht. Und das brauche ich.
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Erfreuliche Erkenntnis In der BRD wird jetzt doch wenigstens ganz partiell registriert, dass ich nicht mehr im Lande bin: im Wirtschaftsteil der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG fand sich neulich die Notiz, dass die Zahl der Schwarzfahrer abgenommen habe...
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Wetten, dass... Inspiriert
durch die lustigen Vorgänge im deutschen Fußballwesen wollte
auch ich mal eine Wette abschließen: ich bot an, 10 Euro darauf zu
setzen, dass die rotgrüne Regierung noch in diesem Jahr ein Gesetz
beschließen wird, das - zur notwendigen Ankurbelung der deutschen
Wirtschaft - die Wiedereinführung der Kinderarbeit ermöglicht.
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