Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
Kommentare, Anregungen, Anfragen direkt zu diesen Notizen bitte an mich unter: Ekkes.Frank@libero.it

Nr. 3 - 12.3.2005
   Persönliche Anmerkungen 
Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt. Italien - ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue Nachbarn. Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die Unverbindlichkeit, nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu können in eine vertraute, bekannte Lebensform. 
Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich bleibe ja, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.
Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede. Eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen.

Notizen (23):

Von Pfetten, genialen Katern und einem Jahrhundertwinter

Seit kurzem kenne ich ein neues Wort, ein deutsches. Nein, nein: nicht „Großspieler“ oder „Wettbetrug“ oder „Nebenverdienstskandal“ oder „Humankapital“. Das ist mir im Grunde alles nicht neu, diese Begriffe aktualisieren vielmehr nur meine nach und nach erworbene Erfahrung mit dem Lauf der Dinge, des Christentums und der SPD. Nein, das neue Wort heißt „Pfette“. Was bitte ist das? Brauche ich das? Und wenn ja wozu? Im Internet wurde mir Antwort zuteil: „Die Pfette ist ein parallel zum First oder der Traufe liegendes Holz im Dachverband“. Aha! Soso. Es ist immer wieder erschütternd, erkennen zu müssen, was sich so alles nicht weiß, von wie vielen Dingen (oder auch Personen) ich noch nie etwas gehört oder gelesen habe in den nun fast 66 Jahren meines Lebens. Meine zunehmende Demut wurde so auch durch die Pfette gefördert. Was sich da an Jahrhunderterfahrungen und Kunstfertigkeiten in einem ganz normalen Hausbau verwirklicht, darüber habe ich nie nachgedacht. Jetzt lerne ich es aus eigener Anschauung, wie ein Dach oder ein Boden optimal isoliert werden, welche Vorteile für den Fenstereinbau ein "Blindrahmen" bietet (auch hier mal wieder das italienische Wort viel klangvoller: „controtelaio“) oder warum atmungsaktiver Calce romana für den Außenputz verwendet werden muss. Und ich kriege mit, wie sich solche Erkenntnisse dann in bürokratische Regelwut umsetzen; teils ganz sinnvoll, wie etwa die in Italien bewohnerfreundlich vorgeschriebene Mindesthöhe für Wohnräume von 2 Metern 70 (statt der deutschen 2 Meter 40), teils auch in so absurden Vorschriften wie der Notklingel über jeder Dusche oder des – wenn auch meist nur winzigen – Vorraums vor dem Bad, „antibagno“ genannt, notabene: nicht etwa in Restaurants oder Hotels, sondern in jeder privaten Wohnung.
Ich lerne aber noch mehr in diesen Zeiten! Während ich bei den führenden Politikern (im gesamten Westen, verschärft in der BRD) Äußerungen, Pläne und Handlungen beobachte, die mich an deren Verstand zweifeln lassen, von politischen Überzeugungen oder gar Moral und Ethik gar nicht zu reden, überrascht mich der einfache Hauskater R. mit unvorstellbaren Intelligenzleistungen. Der Hochbetagte (14 Jahre, entspricht 98 Menschenjahren!) und mit Altersdiabetes Geschlagene (doch, das gibt es, öfter als man vermutet, auch bei Katzen) hat mir über Wochen hinweg ein wirkliches Duell geliefert. Es fing damit an, dass er eines Tages die bauartnormale Kühlschranktür geöffnet und sich die schmackhafte Salami herausgeholt hatte. Ich stellte kopfschüttelnd eine Plastikkiste mit sechs oder sieben vollen Flaschen – Likör, Grappa, Prosecco etc. – vor den Kühlschrank. R. erschien dies offensichtlich lächerlich. Also beschwerte ich die Kiste noch weiter mit einem zu Dekogründen mal von eine deutschen Straßenbaustelle entwendeten Basaltstein, einem Quader von ca. zwanzig Zentimeter Seitenlänge und erheblichem Gewicht. Vergeblich. Zerfetzte Papiertüten und Reste von entnommenem und genossenem Schinken oder Käse sowie mit Kratz- und Bissstreifen verunzierte Butter- oder Margarinepakete vor dem offenen Kühlbehältnis blamierten mich erneut. Nun nagelte ich zwei Halbmeter-Quadrate Holz, Reste von einer Arbeitsplatte, zusammen, rechtwinklig, und stellte sie vor die Kühlschranktür. Der kurz durch mein Gehirn blitzende Gedanke, es könne womöglich sinnvoller sein, diese Konstruktion mit kräftigen Winkeleisen  und Schrauben durchzuführen, erwies sich später leider als richtig. Ich holte das nach. Und noch immer war mir der Triumph menschlicher Ratio über tierischen Instinkt nicht vergönnt. Erst ein klobiger schwerer Eisenzapfen, der einer ehemaligen Stalltür als Angel gedient hatte, unter die zweimeterfünfzig lange und dreieinhalb Zentimeter hohe Arbeitsplatte geklemmt, erbrachte das gewünschte Ergebnis. Die Kühlschranktür bleibt seither zu. Allerdings ist auch für uns Kronen der Schöpfung der Zugang zu den gekühlten Produkten nun umständlich und ärgerlich erschwert.
Und noch mehr Irritationen hält die Natur für mich bereit! Meine langjährigen Denk-Programme, etwa Verschwörungstheorien oder Katastrophenerwartungen (Atomweltkrieg, Faschismus in Bonn oder Berlin oder überhaupt auf der Erde) hatte ich noch gar nicht so lange – und womöglich nicht restlos – von der Festplatte meiner Überzeugungen deinstalliert, da kam zuerst dieser „Supersommer“ 2003 mit wochenlanger Extremhitze europaweit und vielen gar nicht sehr komischen Toten, z.B. in Frankreich. Und derzeit legt ein Winter, so streng, dass sich 50Jährige nicht an vergleichbare Zeiten erinnern können, den Verkehr lahm und den Verdacht nahe, die mehrfach vorhergeunkte – und ebenso oft mit Spott zurückgewiesene – Theorie von einer, von den Menschen zumindest mitverursachten Klimakatastrophe könne Hand und Fuß haben, mehr noch: unmittelbar bevorstehen. Was hieße das? FKK-Urlaub an isländischen Sandstränden? Eisbären und Robben bei uns in den Marken? Mal wieder die große Frage im Raum: Was tun? Aber hier hilft nun mal wirklich Lenin nicht weiter. Ich denke, ich werde mir selbst helfen. Mit dem Einbau von Pfetten. Oder lustigen Machtkämpfen mit Haustieren.
Doch! Das sind wahrhaft gute Aussichten. Zumal der Frühling nun doch endlich zu kommen scheint.

07.03.05, Köln


Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio