| Wer den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an
die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass
sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende
Zählung fort.
Kommentare, Anregungen, Anfragen direkt zu diesen Notizen bitte an mich unter: Ekkes.Frank@libero.it |
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Persönliche
Anmerkungen
Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich bleibe ja, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher. Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede. Eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen. |
Notizen (23):
Von Pfetten, genialen Katern und einem Jahrhundertwinter
Seit kurzem kenne ich
ein neues Wort, ein deutsches. Nein, nein: nicht „Großspieler“ oder
„Wettbetrug“ oder „Nebenverdienstskandal“ oder „Humankapital“. Das ist
mir im Grunde alles nicht neu, diese Begriffe aktualisieren vielmehr nur
meine nach und nach erworbene Erfahrung mit dem Lauf der Dinge, des Christentums
und der SPD. Nein, das neue Wort heißt „Pfette“. Was bitte ist das?
Brauche ich das? Und wenn ja wozu? Im Internet wurde mir Antwort zuteil:
„Die Pfette ist ein parallel zum First oder der Traufe liegendes Holz im
Dachverband“. Aha! Soso. Es ist immer wieder erschütternd, erkennen
zu müssen, was sich so alles nicht weiß, von wie vielen Dingen
(oder auch Personen) ich noch nie etwas gehört oder gelesen habe in
den nun fast 66 Jahren meines Lebens. Meine zunehmende Demut wurde so auch
durch die Pfette gefördert. Was sich da an Jahrhunderterfahrungen
und Kunstfertigkeiten in einem ganz normalen Hausbau verwirklicht, darüber
habe ich nie nachgedacht. Jetzt lerne ich es aus eigener Anschauung, wie
ein Dach oder ein Boden optimal isoliert werden, welche Vorteile für
den Fenstereinbau ein "Blindrahmen" bietet (auch hier mal wieder das italienische
Wort viel klangvoller: „controtelaio“) oder warum atmungsaktiver Calce
romana für den Außenputz verwendet werden muss. Und ich
kriege mit, wie sich solche Erkenntnisse dann in bürokratische Regelwut
umsetzen; teils ganz sinnvoll, wie etwa die in Italien bewohnerfreundlich
vorgeschriebene Mindesthöhe für Wohnräume von 2 Metern 70
(statt der deutschen 2 Meter 40), teils auch in so absurden Vorschriften
wie der Notklingel über jeder Dusche oder des – wenn auch meist nur
winzigen – Vorraums vor dem Bad, „antibagno“ genannt, notabene: nicht etwa
in Restaurants oder Hotels, sondern in jeder privaten Wohnung.
Ich lerne aber noch
mehr in diesen Zeiten! Während ich bei den führenden Politikern
(im gesamten Westen, verschärft in der BRD) Äußerungen,
Pläne und Handlungen beobachte, die mich an deren Verstand zweifeln
lassen, von politischen Überzeugungen oder gar Moral und Ethik gar
nicht zu reden, überrascht mich der einfache Hauskater R. mit unvorstellbaren
Intelligenzleistungen. Der Hochbetagte (14 Jahre, entspricht 98 Menschenjahren!)
und mit Altersdiabetes Geschlagene (doch, das gibt es, öfter als man
vermutet, auch bei Katzen) hat mir über Wochen hinweg ein wirkliches
Duell geliefert. Es fing damit an, dass er eines Tages die bauartnormale
Kühlschranktür geöffnet und sich die schmackhafte Salami
herausgeholt hatte. Ich stellte kopfschüttelnd eine Plastikkiste mit
sechs oder sieben vollen Flaschen – Likör, Grappa, Prosecco etc. –
vor den Kühlschrank. R. erschien dies offensichtlich lächerlich.
Also beschwerte ich die Kiste noch weiter mit einem zu Dekogründen
mal von eine deutschen Straßenbaustelle entwendeten Basaltstein,
einem Quader von ca. zwanzig Zentimeter Seitenlänge und erheblichem
Gewicht. Vergeblich. Zerfetzte Papiertüten und Reste von entnommenem
und genossenem Schinken oder Käse sowie mit Kratz- und Bissstreifen
verunzierte Butter- oder Margarinepakete vor dem offenen Kühlbehältnis
blamierten mich erneut. Nun nagelte ich zwei Halbmeter-Quadrate Holz, Reste
von einer Arbeitsplatte, zusammen, rechtwinklig, und stellte sie vor die
Kühlschranktür. Der kurz durch mein Gehirn blitzende Gedanke,
es könne womöglich sinnvoller sein, diese Konstruktion mit kräftigen
Winkeleisen und Schrauben durchzuführen, erwies sich später
leider als richtig. Ich holte das nach. Und noch immer war mir der Triumph
menschlicher Ratio über tierischen Instinkt nicht vergönnt. Erst
ein klobiger schwerer Eisenzapfen, der einer ehemaligen Stalltür als
Angel gedient hatte, unter die zweimeterfünfzig lange und dreieinhalb
Zentimeter hohe Arbeitsplatte geklemmt, erbrachte das gewünschte Ergebnis.
Die Kühlschranktür bleibt seither zu. Allerdings ist auch für
uns Kronen der Schöpfung der Zugang zu den gekühlten Produkten
nun umständlich und ärgerlich erschwert.
Und noch mehr Irritationen
hält die Natur für mich bereit! Meine langjährigen Denk-Programme,
etwa Verschwörungstheorien oder Katastrophenerwartungen (Atomweltkrieg,
Faschismus in Bonn oder Berlin oder überhaupt auf der Erde) hatte
ich noch gar nicht so lange – und womöglich nicht restlos – von der
Festplatte meiner Überzeugungen deinstalliert, da kam zuerst dieser
„Supersommer“ 2003 mit wochenlanger Extremhitze europaweit und vielen gar
nicht sehr komischen Toten, z.B. in Frankreich. Und derzeit legt ein Winter,
so streng, dass sich 50Jährige nicht an vergleichbare Zeiten erinnern
können, den Verkehr lahm und den Verdacht nahe, die mehrfach vorhergeunkte
– und ebenso oft mit Spott zurückgewiesene – Theorie von einer, von
den Menschen zumindest mitverursachten Klimakatastrophe könne Hand
und Fuß haben, mehr noch: unmittelbar bevorstehen. Was hieße
das? FKK-Urlaub an isländischen Sandstränden? Eisbären und
Robben bei uns in den Marken? Mal wieder die große Frage im Raum:
Was tun? Aber hier hilft nun mal wirklich Lenin nicht weiter. Ich denke,
ich werde mir selbst helfen. Mit dem Einbau von Pfetten. Oder lustigen
Machtkämpfen mit Haustieren.
Doch! Das sind wahrhaft
gute Aussichten. Zumal der Frühling nun doch endlich zu kommen scheint.