Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
Kommentare, Anregungen, Anfragen direkt zu diesen Notizen bitte an mich unter: Ekkes.Frank@libero.it


 

Nr. 4 - 2005

 

  Persönliche Anmerkungen 


Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt. Italien - ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue Nachbarn. Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die Unverbindlichkeit, nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu können in eine vertraute, bekannte Lebensform. 
Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich bleibe ja, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.
Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede. Eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen.

Notizen (24):

Zehn Jahre zurück – und wie viele voraus?

 

Ein tolles Sonderangebot hätte er da noch, sagt der Chef der Baustoffhandlung in Corinaldo, und er zeigt mir begeistert die bunte Plastik-Kiste, die sich durch Einklappen der Seitenteile gleichsam zusammenfalten lässt. Danke, sage ich, die hab ich schon. Ach klar, lacht er, Sie sind ja aus Germania. Und dann, sachlich, ohne Emotionen, einfach als Feststellung: Ihr seid uns um zehn Jahre voraus.

Diesen Eindruck hat man hier in Italien – genauer: in den Marken – desöfteren. Wenn etwa der Tankwart ans Autofenster kommt, einen guten Tag wünscht, fragt, wie viel Benzin man gern hätte, und während der Sprit in den Tank läuft die Scheiben putzt. Oder wenn der Klempner (irgendwie klingt „Idraulico“ viel angemessener für mich) fast bei jedem Notruf noch am gleichen Tag erscheint; sich das Problem schildern lässt, zu seinem eigenen macht und auch unkonventionelle Lösungen ergrübelt, selbst wenn längst Feierabendzeit ist. Oder wenn der Fiat-Automechaniker den Ehrgeiz entwickelt, auch einen zwölf Jahre alten Japaner mit 235 000 km auf den Rädern wieder flott zu kriegen, anstatt ihn naserümpfend zum Verschrotten zu empfehlen.

Hier in diesem Land gibt es auch noch Schuhmacher, die in einem winzigen, ledrig riechenden Gerümpelladen Schuhe besohlen oder die Nähte einer betagten Lederhandtasche erneuern, für ein paar wenige Euro. Es gibt noch eine Menge Tante-Emma-Läden mit der namengebenden Signora, die einem das gewünschte Gemüse aussucht und abwiegt, den prosciutto nostrano (den schmackhaften heimischen Schinken) schneidet, in hauchdünne Scheiben versteht sich, und dem Kunden ein Stückchen Pecorino-Käse zum Probieren gibt, ehe er sich entscheidet. Und bei der Bank fragt sich der Mann am Schalter – er heiße übrigens Fabio – geduldig durch alle Sprachverirrungen hindurch zum Ziel, und die wachsende Schlange hinter mir zeigt so wenig Nervosität oder Eile wie Fabio selbst.

Und alle haben sie Zeit für ein kleines Gespräch, einfach übers Wetter, die Arbeit, die Familie, manchmal – wie bei dem Bauern Alvaro, diesem kleinen Mann mit seinem großen Traktor und dem riesigen Acker nebenan – durchsetzt mit fast schon philosophischen Überlegungen. Freundlichkeiten dominieren, und selbst die Handwerker scheinen ihre Arbeit gern zu machen, sie pfeifen oder singen dabei vor sich hin.

All das, wie gesagt, zehn Jahre (oder womöglich noch mehr) zurück hinter den Zuständen, die ich in Deutschland wahrgenommen habe vor meinem Wechsel hierher. Hinter der Vollautomatisierung fast aller Lebensbereiche, mit Selbstbedienung in Supermärkten, an Tankstellen und Banken, in Restaurants und Waschsalons, hinter der Haltung, alles was nicht mehr richtig funktioniert zu verschrotten (die typische Handbewegung für einen Deutschen ist die wegwerfende), hinter der als Autarkie verkleideten Vereinzelung und Entsolidarisierung – mit der prompten Folge finsterer, freudloser, verquälter, unzufriedener Gesichter schon am frühen Morgen in Straßen und U-Bahnen, tagsüber in Geschäften und Betrieben, abends in der Rushhour oder an den Tresen der qualmverhangenen Kneipen.

Und dann eben doch der Gedanke, ein bisschen schüchtern und verlegen: wie wäre es, wenn dies hier in den Marken nicht zehn Jahre zurück wäre, sondern vielleicht zwanzig voraus?

 
  

 



Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio

(heute mit neu gestalteten Seiten „Die Appartements“ und „Kontakt“)

- nicht nur schön bei solchen Sonnenaufgängen…