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Wer
den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die
Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie
nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende
Zählung fort. |
Nr. 5 - 2005 |
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Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt.
Italien - ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue
Nachbarn. Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die
Unverbindlichkeit, nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu
können in eine vertraute, bekannte Lebensform. |
Notizen
(25):
Ein
Marken-Sommer
Wenn das ein richtiger italienischer
Hochsommer ist, was wir da jetzt, im August 2005, hier an der Adria so erleben, dann ist Silvio
Berlusconi ein wirklich uneigennütziger, zutiefst und nur der Demokratie
verpflichteter Politiker. Mein Großvater pflegte die auch in jenen 50er Jahren
des letzten Jahrhunderts schon auftretenden Wetterkapriolen damit zu erklären,
daran seien „die Adumbumbe“ schuld, also die Atombombenversuche weltweit, und
er lag damit wahrscheinlich richtiger als ich in meiner jugendlich-überlegenen
Fortschrittsgläubigkeit, ihn milde belächelnd, annahm.
An meinem heutigen Missbehagen an
Wetter und Politik hier in Italien ändert auch die Tatsache nichts, dass beides
in Deutschland offenbar noch übler ist. So sitze ich also, von einem mächtigen
Sonnendach vorm traurig tröpfelnden Regen geschützt, auf der Terrasse eines
besseren Hotels und komme mir vor wie ein Feriengast in Brighton oder – noch
härter – in Husum, so grau ist hier alles: die parkenden Autos, das unruhig
gegen den leeren Sandstrand schlagende Meer, der Himmel, die Regenschirme und
die Gesichter darunter, jedenfalls der Menschen, die noch hier unterwegs sind.
Geplant war das ja mal ganz anders,
natürlich. Im August, jeder weiß das, ist Italien geschlossen, die wenigen,
noch offenen Geschäfte sind leer, der Strand
überfüllt, tagsüber bewegt sich niemand mehr als unbedingt notwendig, abends
dagegen jeder mehr als sein Arzt ihm raten würde. Na klar, es wird ja auch
etwas geboten, hier! Les distractions ne
manque pas, wie es mein Französisch-Sprachkurs (4 Kassetten plus Lehrbuch) ausdrückte.
An der Straßenlaterne da drüben verwest noch das Werbeplakat für die Wahl der
regionalen Kandidatin im Wettstreit um die Krone der Miss Italia, ein
handschriftlich zugefügter Ratschlag empfiehlt, Tische vorzubestellen in dem
entsprechenden Restaurant. Die Regionalzeitung Corriere dell’Adriatico enthält jeden Tag viele Seiten unter der
Rubrik ESTATE & DINTORNI (sinngemäß: was hier in der Gegend so alles los
ist in diesem Sommer). Außer vielen weiblichen, oft tätowierten Nabel- und
Hüftpartien und kaum verhüllten Oberweiten wird erstaunlich vielseitiges
Programm empfohlen: Flamencotanz mit dem spanischen Star Joaquín Cortés in
Macerata; ein einziges Konzert des einzigartigen Goran Bregovic – mit seinem
genialen „Orchester für Hochzeiten und Beerdigungen“ – in der Arena von Cagli;
regelmäßige Jazzabend in einem Restaurant gleich bei uns um die Ecke; für die
einen gibt es Wrestling, für die anderen das Mozart-Requiem; in Pesaro, seinem
Geburtsort, beginnen bald die Rossini-Festspiele; das Musical Pinocchio wird in Recanati gegeben; in
Civitanova ist, noch bis Oktober, eine Ausstellung mit Bildern von Salvador
Dalì und anderen Surrealisten zu bewundern. Dazu locken zahllose Feste in den
Städtchen und Dörfern hier, Anlässe: der örtliche Wein; Trüffel; Spaghetti;
oder die unverwüstliche UNITÀ, die Stalin, Togliatti, Gramsci, Berlinguer und
Gorbatschow überlebt hat. Es gibt Lesungen und Diskussionen und Kabarett und
Vorträge, eine Vernissage in unserem Nachbardorf Ripe (kaum mehr als 3000
Einwohner) mit über fünfzig, z.T. wirklich guten Gemälden und Skulpturen
regionaler Künstlerinnen und Künstler wurde vom Ortsbürgermeister und dem
Leiter des Museums in Senigallia eröffnet, vom Kurator, einem Turiner
Akademieprofessor, sachkundig erläutert…
Und dann dieses Wetter! Hunderte
verhüllter Sonnenschirme stehen am Strand Spalier neben akkurat ausgerichteten Liegen in allen Farben, mit keinen, das Bild
verderbenden Touristenleibern darauf. Ästhetisch höchst erfreulich, ökonomisch
eine Katastrophe für alle, die vom Tourismus leben.
Aber, Hölderlin sei Dank wissen wir,
dass eben genau dann auch das Rettende wächst! Im nächsten Jahr wird Berlusconi
abgewählt, sagen alle hier. Und dann wird es auch wieder einen richtigen heißen
italienischen Hochsommer geben.
Wetten?
(17. August
2005)
Und, wie immer, der
Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio