Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
Kommentare, Anregungen, Anfragen direkt zu diesen Notizen bitte an mich unter: Ekkes.Frank@libero.it

Nr. 6 - 2005

 

  Persönliche Anmerkungen 


Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt. Italien - ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue Nachbarn. Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die Unverbindlichkeit, nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu können in eine vertraute, bekannte Lebensform. 
Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich bleibe ja, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.
Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede. Eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen.

Notizen (26):

Herbst

 

Auch Petrus liest offenbar diese AdagioNotizen. Obwohl er gar nicht in meinem Verteiler ist (was hat der überhaupt für eine Mail-Adresse? Vielleicht  petrus@urbi-et-orbi.com?) Eine andere Erklärung habe ich jedenfalls nicht dafür, dass prompt nach der letzten Ausgabe („Ein Marken-Sommer“) ein Bilderbuchwetter ausbrach, nicht nur über die auch übers Klima zu Recht jammernden Deutschen – nein, auch hier in Italien, wo wir nun schon seit Wochen einen wunderschönen Herbst haben, mit allem, was für mich schon immer dazugehört hat: dieses trotz wolkenlosem Himmel leicht milchige Licht, der Morgen noch frisch und mit glänzenden Tautropfen auf dem Gras, der Mittag fast zu warm fürs Straßencafé, durch das noch volle Laub der Bäume fegen erste heftige Windböen, die letzten Sommerferiengäste sorgen bei ihrer Rückkehr aus dem Süden noch einmal für Fünfzigkilometerstaus in der BRD. Ich mochte den Herbst schon immer, mehr als die anderen Jahreszeiten. Weil er, so hab ich es mir zu erklären versucht, am ehrlichsten ist, indem er die Vergänglichkeit sichtbar und fühlbar macht und doch zugleich auch deren unglaubliche Schönheit. Übrigens auch dann, wenn die Sonne es mal nicht schafft, den Morgennebel aufzulösen, der dann alles ins Milde oder Mysteriöse hüllt. Oder auch dann, wenn es richtig regnet, nicht dieser trost- und endlose Novemberregen, sondern die wilden Güsse aus gewaltigen Gewitterwolken.

Jetzt, in diesem Herbst 2005, fallen mir ganz viele Situationen ein aus den verschiedensten Abschnitten meines Lebens, in denen ich den Herbst so sehr genossen habe. Vor 25 Jahren in einem Straßencafé in Nürtingen, m Fuß der Schwäbischen Alb, habe ich das Lied über den „Septembermorgen“ geschrieben. Vor vier Jahren erlebte ich in Minnesota den Indian Summer, und dessen Farben waren noch kräftiger, noch wilder, noch schöner als am Gardasee, wo ich in den neunziger Jahren so oft war, im September, Oktober. „Bald rasen die herbstlichen Stürme“ habe ich gesungen, 1954, 1955, wenn ich mit der Jugendgruppe von großer Sommerfahrt zurück nach Heidelberg gekommen war, diese meine Geburtsstadt, die selbst sozusagen eine Herbststadt ist, mit ihrem dezent modrigen Charme aus einer größeren Vergangenheit; und auch hier Erinnerungen an Herbsttage noch vor wenigen Jahren, erlebt in einer Mischung aus trotzigem Aufbäumen und depressionsgeladener Resignation.

Schließlich bin ich ja auch im Herbst meines Lebens angelangt. Nach einem eher kalten Frühling, mit viel Nebel, Nachtfrösten und Schneefällen auf zaghaft sich öffnende Erwartungsblüten, nach einem unerwartet langen und weithin heißen Sommer, mit ein paar ziemlich verheerenden Gewittern, mit in Verkehrsstaus oder auf Sonnenliegen dösend vergeudeten Stunden, jetzt also eingetaucht in eine farbige, von einer immer tiefer stehenden Sonne mild und zum Heulen schön beleuchteten Lebenslandschaft mit neuen, mir noch nicht bekannten Elementen, die Erinnerungen wecken an Erlebtes wie Erlittenes –

Ich weiß natürlich, dass der Winter kommen wird, schneller als ich das möchte. Und deshalb will ich auch diesen Herbst genießen, jede einzelne Stunde.

16.09.05

 

 

 



Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio