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Wer
den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die
Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie
nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende
Zählung fort. |
Nr. 7 - 2005 |
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Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt.
Italien - ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue
Nachbarn. Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die
Unverbindlichkeit, nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu
können in eine vertraute, bekannte Lebensform. |
Notizen
(27):
Auf de deutsche
Audobahne…
Ach, war das schön! Endlich mal wieder mit dem PKW in der BRD
unterwegs! Zu lange hatte ich in einem Land der unfreien Fahrt für unfreie
Bürger gelebt und dabei ganz vergessen, dass wir Deutschen ja nicht nur das Auto
erfunden haben, sondern auch den einzig wahren Umgang mit dieser wunderschönen
Schöpfung menschlichen Geistes. Die man beispielsweise schon mal erst gar nicht
in ihrem Bewegungsdrang einengen darf, indem man sie durch eine
Geschwindigkeitsbegrenzung an der freien Entfaltung ihrer Potenz hindert;
sondern die man ehrt und würdigt und samstags putzt und voller Stolz auf 180
bringt, wann immer es geht.
Gleich nach dem Überqueren der Staatsgrenze, schon auf den
ersten Kilometern Autobahn, fiel mir das alles aber wieder ein. Hei, wie sie da
an mir vorüberflogen, die Mercedes aller Klassen und die BMWs aller Baureihen,
die Daimlers und die bayerischen Kraftkutschen und all die andern Großen und
Kleinen auch! Fröhlich signalisierten sie mir, der ich mit peinlich läppischen
132 km/h an der unendlichen Perlenkette edler LKWs vorbeitrödelte, schon aus weiter
Ferne mit lustig blinzelnden Lichthupen, dass sie bitteschön gern passieren würden.
Was sie dann auch so flott taten, dass ich nicht einmal das Nummernschild hätte
lesen können, wenn ich es gewollt hätte, etwa um einem besonders munteren
Führer eines Kraft-Fahrzeuges eine Anerkennung für sein beeindruckendes Gebaren
zukommen zu lassen.
Noch schöner wurde es aber dann des Freitags, als ich mich zur
Rückreise aufmachte. Die Zahl der vierrädrigen Lieblinge nimmt ja – wenn
auch leider etwas langsamer, inzwischen – weiter zu, und alle waren sie
offenbar heute unterwegs, um irgendwo am anderen Ende der Republik den Vereinigungsgeburtstag
zu feiern. Damit die Bürgerinnen und Bürger jedoch nicht in Depressionen
verursachende Vereinzelung geraten, hatten weitsichtige Straßenbaubehörden
überall für kommunikationsfördernde Einrichtungen – vulgo: Baustellen
– gesorgt, und die dankbaren Untertanen trugen ihren Teil bei, indem sie
mit kleineren oder größeren Unfällen auch dort für Staus sorgten, wo es noch
keine gab. Wie schön, diese fröhlichen Mienen in den strahlendglänzenden
Raumwundern zu sehen, zumal in den sich ständig vermehrenden – und angesichts
der Straßensituation ja auch unbedingt notwendigen! – Geländewagen, die
offenbar inzwischen alle von den gleichen Designern gestaltet werden wie die modernen
Joggingschuhe. Und wie die Insassen mit freundlichen Gesten, vor allem mit dem
Einsatz von Zeige- und Mittelfinger einander ihre Achtung und Sympathie bezeugten!
Ehe sie, nach vielleicht anderthalb Stunden Stop-and-Go wieder drauflospreschen
konnten, für gut acht Kilometern, auf denen sie dann mit etwa 200 km/h die
Verspätungen wieder aufholten, rechts und links an Schleichern vorbei flitzend
und der von bürokratischen Analphabeten vorgeschriebenen Begrenzung auf 80
nicht achtend.
Irgendwann in einer dieser Massenansammlungen kam mir –
neben vielen anderen – auch dieser Gedanke: dass ja nicht nur das Volk so
fühlt und handelt, sondern auch seine Regierung. Der sich gern selbst so
sehende (wenn auch demnächst vermutlich verschrottete) „Kanzler aller
Autos“ ebenso wie die Schar der anderen Spitzen-Autisten sämtlicher
Parteien, alle sind sie stolz darauf, weiterhin das einzige Land der zivilisierten
(also vollmotorisierten) westlichen Welt zu regieren, in dem es keine
menschenrechtswidrige Schurigelei in Form eines Tempolimits gibt. Und alle
verhalten sie sich wie die von ihnen Regierten, nach der Devise
„Ich-bin-die-Vorfahrt“ und „Rücksicht-ist-was-für-Angsthasen“.
Schon nach achteinhalb Stunden hatte ich, entspannt und locker,
die knapp 500 Kilometer zwischen Köln und München hinter mich gebracht. Und am
Tag darauf, hinterm Brenner, dachte ich noch einmal wehmütig an die schöne
Fahrt gestern zurück. Jetzt nämlich rollte ich gelangweilt gleichmäßig und ohne
spaßfördernde Unterbrechung mit 130 gen Süden. Sicher, auch hier gibt es automatti, also PS-Narren, die
probieren, ob sie mit ihrem Kühlergrill meinen Auspuff kitzeln können. Aber
erstens sind es weit, weit weniger als im gelobten Land, wo Knilch und Opa
rasen; und außerdem brettern sie, wenn ich dann Platz mache, einfach vorbei,
ohne eine der zahlreichen und so lustig-lebhaften Gesten, über die gerade die
Italiener zur Kommunikation bekanntlich verfügen.
Jedenfalls – ich freue mich schon jetzt auf den nächsten
Besuch in der Deutschen Autokratischen Republik, dem Land der freiesten aller
Freien. Eine kleine kritische Anmerkung hätte ich zum Schluss aber doch noch,
den Rat nämlich, ganz ab und zu (und nicht bloß im Januar, und nicht bloß in
Berlin) vielleicht auch mal an Rosa Luxemburg zu denken und ihren Satz, wonach
die Freiheit immer auch die Freiheit der Anderslenkenden ist.
Anfang
Oktober 2005
Und, wie immer, der
Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio