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Wer
den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die
Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie
nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende
Zählung fort. |
Nr. 8 - 2005 |
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Nicht nur ein neues Jahr steht an: ein neuer Lebensabschnitt. Italien
- ein neues, noch weithin unbekanntes Land; ein neues Zuhause, neue Nachbarn.
Nicht mehr als Besucher hier, als Tourist, nicht mehr die Unverbindlichkeit,
nicht mehr das Bewusstsein, jederzeit zurückkehren zu können in eine
vertraute, bekannte Lebensform. |
Notizen
(28):
Zwischenbilanz
Am 1. Dezember sind nun zwei Jahre
verflogen, seit ich dieses neue Lebensprojekt nicht mehr nur geplant und
zusammenphantasiert, sondern umzusetzen begonnen habe, an Ort und Stelle, mit
Hammer und Meißel und grenzenlosem Optimismus und überbordenden Phantasien.
Warnungen gab es genug, Kopfschütteln auch von Freundinnen und Freunden, der
noch so positiv klingende Kommentar „mutig“ schloss ja auch Skepsis
mit ein. Mir waren diese Reaktionen nicht egal, ich bin manchmal selbst morgens
um halb vier schweißgebadet aufgewacht, schon vorher, aber auch während der
Arbeiten hier am Haus. Ich hatte Ängste, womöglich doch zu
„derfrier’n“ oder mir „die Herzkammer neizurenne“
(wie meine Mutter es ausgedrückt hätte), mir tat das Kreuz weh vom
Mörtelschleppen, meine Arme und Handgelenke schmerzten von dem Putzabklopfen
mit dem Schlagbohrhammer, ich fürchtete, mich übernommen und meiner Gesundheit
geschadet zu haben.
Jetzt aber ist es geschafft: das Grobe
ist erledigt, was zu tun bleibt – und an einem Haus gibt es ja immer
etwas zu tun – ist Feinarbeit, kreativ, gestaltend, verbessernd,
dekorieren, Bilder aufhängen, Lampen montieren, Bücher aus Umzugskisten in die
aufgestellten Regale einzuräumen – und: leben, erleben, genießen, mit
Freunden feiern, neue Pläne auf der Basis des Erreichten schmieden. Ideen dafür
habe ich genug.
Vor ein paar Tagen bin ich auf der
Suche nach einer neuen Abendlektüre – es gibt weiterhin noch keinen
Fernsehapparat, für welches Programm denn auch? – auf Goethes
„Italiänische Reise“ gestoßen, so wörtlich in der Ausgabe des
J.G.Cotta’schen Verlags Stuttgart und Tübingen 1840, die ich von meiner
Tante Martha geerbt habe. Dabei war Tante Martha gar kein Fan des
allerdeutschesten Großdichters, sie mochte ihn nicht „wegen dem seinen
Weibergeschichten“. Diese ihre Einschätzung Goethes als eine Art
deutschen Philip Roth des 18. Jahrhunderts vermag ich inzwischen durchaus
nachzuvollziehen… Die Lektüre macht dennoch Spaß, zumal ich kürzlich ein
anderes Tagebuch las, mit Schreibmaschine auf liniertes DIN-A5-Papier getippt
von verschiedenen Autoren, alle zwischen 16 und 18 Jahre alt, als sie es
schrieben, vor 50 Jahren.
Einer der Autoren: ich selbst. Mit
sieben „Kameraden“ – wir benutzten damals viele solche
Begriffe ebenso arg- wie ahnungslos, nannten z.B. den Leiter unserer Gruppe
„Führer“ – war ich am 6. August 1955 zum ersten Mal nach
Italien gekommen. Auf dem Fahrrad, durch die Schweiz, über den St.Gotthard-Pass
zum Lago Maggiore, später dann weiter über Genua, Pisa, Florenz, Verona,
Gardasee, Inntal, Bodensee und wieder zurück nach Heidelberg, dreißig Tage
lang. Natürlich ahnte ich damals nicht, dass ich ein halbes Jahrhundert später
hier ein Haus haben würde. Aber ich erinnere mich an die Begeisterung,
nachlesbar auch in meinen Beiträgen zu jenem „Fahrtenbuch“ und die
angehalten hat über die Jahre mit den vielen weiteren Reisen hierher; eine
Begeisterung, die mir manch eine(r) auch übelnimmt, weil ich nicht zugleich von
den Schattenseiten spreche (die es ja gibt, mein Gott, wie und wo denn auch
nicht!) und weil ich nicht pflichtschuldigst von den – ebenfalls
vorhandenen! – schönen Dingen in jenem Land berichte, in dem ich nun mal
zufällig zur Welt kam…
Meine verschiedenen
„italiänischen“ Reisen werde ich – das ist eines meiner
Projekte – noch einmal aufschreiben. Nicht um dem alten Geheimrat
Konkurrenz zu machen, wie könnte ich denn! Aber vielleicht gibt es da eine,
auch mir nie bewusst gewordene Konsequenz in diesen so unterschiedlichen
Besuchen in Livigno, am Gardasee, in Florenz, Rom, Neapel, Kalabrien, Sizilien.
Nur die Marken hatte ich vorher nie wahrgenommen, auch wenn ich ein paar Mal in
deren Hauptstadt Ancona an Bord einer Fähre nach Griechenland ging.
Nun habe ich mich aber weit entfernt
von dem Anfang meiner Geschichte hier, der Idee, Bilanz zu ziehen nach zwei
Jahren. Oder vielleicht auch nicht? Weil das alles mit dazugehört? Das
jedenfalls will ich hier noch sagen: ich habe, bei allen Widrigkeiten,
Problemen, Ärgernissen, Aufregungen, Enttäuschungen und Nervenstrapazen, was es
hier selbstverständlich alles auch gab, keine Sekunde gezweifelt oder meinen
Entschluss bereut.
Ich trinke den letzten Schluck des
Rotweins in dem wunderbaren Restaurant „La Cascina“, wo ich einmal
mehr hervorragend gegessen, getrunken und das hier geschrieben habe, und proste
mir zu: Tant’auguri! Und dann: Il conto, per favore!
Ich geh nach Hause.
25.11.2005
Und, wie immer, der
Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio
- wo die Vorbereitungen auf die Saison 2006
laufen; mehr und genauere Informationen gibt es schon bald!