Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
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Nr. 9 - 2005

 

  Persönliche Anmerkungen 


Das Jahr 2006. Länger als zwei Jahre lebe ich jetzt schon hier in Italien, mehr als in der alten BRD. Ein neues Zuhause, neue Nachbarn, ich lebe mich ein, wenn auch vieles noch nicht wirklich vertraut ist: die Sprache zeigt gnadenlos, wie wenig ihrer Feinheiten ich kenne, seit ich über das „Basic“ hinausgekommen bin; die Rituale, nicht nur die religiösen sind noch oft obskur; die Einschätzung der gesellschaftlichen und politischen Vorgänge bleibt schwierig.

 

Es war eine Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich wusste ja, ich würde bleiben, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.

 

Auch nach zwei Jahren noch dominiert das Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede.

Und weiterhin eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen: die Persönlichen Anmerkungen.

 

Notizen (29): Vorm Jahr des Hundes

 

Der kürzeste Tag dieses Jahres 2005 bringt – nach einer langen Passage mit finsterstem Husum-Wetter – noch einmal alles, was das Leben hier so schön macht: ein bloß am Horizont mit ein paar kleinen weißen Kumuluswolkenarrangements verziertes italienisches Blau, eine Sonne, die nicht nur die Hügel ringsum mit ihren teils braunen, teils schon wieder saftiggrünen Feldern in kräftigen Farben erstrahlen lässt, sondern die auch um die Mittagszeit mit über 18 ° zu einer Pause im Freien animiert, dazu das blecherne Scheppern weit entfernter Kirchenglocken – wie Gott in Frankreich leben könnte er, wenn es ihm mal langweilig würde, auch hier in den Marken.

 

„Die Farbe Grau“ – so die Überschrift eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung vor ein paar Tagen – dominiert weiter nördlich: eine „Studie über den Zustand der Deutschen“ konstatiert „negative Zukunftserwartung“, spricht von „Gefühlen der Orientierungslosigkeit“ und einem „machtlosen Verzagen gegenüber den Starken in der Gesellschaft“, verbunden mit deren „Demonstration von Überlegenheit gegenüber Schwachen“. Zitat: „Den Bürgern werde immer unklarer, wohin der sie ‚überwältigende Kapitalismus’ führe.“

 

Man müsse, sagte kürzlich unser Italienischlehrer Pico beim Unterricht, einmal mehr vom grammatikalischen Thema abschweifend, man müsse eine Definition für sein Leben finden; dann stehe man allerdings immer mal wieder vor dem Problem, dass man sein Leben dieser Definition anpassen müsse. Ob es da nicht einfacher wäre und besser, fragte ich, die Definition jeweils seinem Leben anzupassen? Wir haben gelacht und wandten uns wieder den Schwierigkeiten von italienischem Konjunktiv und dem condizionale composto zu.

 

Es stellt sich übrigens auch immer wieder diese Frage, ausgelöst durch den unbegreiflichen Tod eines Freundes (wie vor ein paar Wochen) oder angesichts monströser politischer Vorgänge (wie in den letzten Jahren, zunehmend) oder während der Lektüre eines Buches (bei mir zuletzt Paulo Coelhos Elf Minuten), die Frage nach dem Sinn des Lebens. Als mich modern empfindender Mensch nutze ich natürlich auch in einem solchen Fall das Internet.  Google liefert auf entsprechende Eingabe – „Sinn des Lebens“ – in 0,08 Sekunden ca. 2.170.000 Antworten. Darunter auch den Satz, der mir bleibend am besten gefällt: „Das Leben hat keinen Sinn außer dem, den wir ihm geben.“ Er wird Thornton Wilder zugeschrieben oder auch, leicht abgewandelt, Hermann Hesse.

 

Zu elegisch, das alles? Ich empfinde das viel eher als heiter, so wie das Wetter und die Landschaft hier und heute. Darin ganz entspannt zu sein und die Gegenwart zu genießen, das gelingt mir ja auch nicht immer (wenn auch immer öfter…). Häufig nörgelt der „Alte Adam“ in mir – der übrigens genauer gesagt „Martin Luther“ heißt – an dieser Lebenseinstellung herum und will mich auf die jahrzehntelang nachgebetete Faust-Maxime zurückzwingen: diese Verfluchung des Wunsches, zum Augenblicke zu sagen, er möge doch, weil so schön, verweilen.  Che pazzia – was für ein Wahnsinn! Ich arbeite weiter daran, diese Vergangenheit hinter mir zu lassen; natürlich nicht die ganze Vergangenheit, dazu gab es zu vieles, an das ich weiterhin gern zurückdenke…

 

Und die Zukunft? Auch hier bin ich einmal mehr so gar nicht typisch deutsch: ich habe kein Gefühl von Orientierungslosigkeit und meine Erwartungen sind positiv. Zumal ich gerade auf den Hund gekommen bin. Mein Verhältnis zu diesen Vierbeinern war immer eher distanziert. Dennoch hätte ich nie einem Hund gewünscht, dass er leidet wie ein Stoiber. Aber ich meine etwas ganz anderes, ich rede von dem chinesischen Horoskop, das – Ende Januar 2006 – ein weiteres „Jahr des Hundes“ beginnen lässt. Leider habe ich im Grunde überhaupt keine Ahnung vom chinesischen Horoskop; und den in unseren Breiten betriebenen Sterndeutungen stehe ich doch recht reserviert gegenüber. Bevor ich mich nun in allerlei launige Spekulationen verirre, sage ich nur: hoffentlich wird 2006 nicht ein weiteres Jahr des Hundts und seiner Acker-Männer und Mit-Esser; ich wünsche es mir vielmehr geprägt von jenen Werten, die – laut China-Horoskop – dem astrologischen Hund zugeschrieben werden: Den Hund zeichnet ein hoher Gerechtigkeitssinn und soziales Verständnis aus. Es kann sich sehr heftig in Ideale verbeissen und wer sein Verständnis errungen hat, kann stets mit einem Mitstreiter an seiner Seite rechnen. Zu den Eigenschaften des Hundes gehört auch ausgeprägte Sensibilität…

Wie auch immer – ich wünsche uns allen ein gutes 2006!

21.12.2005



Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio

Die Homepage informiert über die jüngsten Entwicklungen (neu z.B. die Seiten „Das Haus“ mit den „Metamorphosen“ und „Die Appartements“) – alles in Erwartung des neuen Jahres und lieber Gäste hier in den Marken, wo – so der Slogan – „Ganz Italien in einer Region“ zu finden ist.