Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Seit Anfang 2005 gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
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Nr. 31 - 2006

 

  Persönliche Anmerkungen 


Das Jahr 2006. Länger als zwei Jahre lebe ich jetzt schon hier in Italien, mehr als in der alten BRD. Ein neues Zuhause, neue Nachbarn, ich lebe mich ein, wenn auch vieles noch nicht wirklich vertraut ist: die Sprache zeigt gnadenlos, wie wenig ihrer Feinheiten ich kenne, seit ich über das „Basic“ hinausgekommen bin; die Rituale, nicht nur die religiösen sind noch oft obskur; die Einschätzung der gesellschaftlichen und politischen Vorgänge bleibt schwierig.

 

Es war eine Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich wusste ja, ich würde bleiben, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.

 

Auch nach zwei Jahren noch dominiert das Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede.

Und weiterhin eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen: die Persönlichen Anmerkungen.

Notizen (31):

 

Zeit und Geld

 

Wenn der Satz stimmt, dass Zeit Geld ist, dann bin ich sehr reich, zur Zeit. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Zeit gehabt. Und wenn ich manchmal unter Druck gerate, also mich das Gefühl befällt, ich müsste jetzt unbedingt… ich dürfte keine Minute verlieren, sondern sofort… - das sind Mechanismen in mir drin, das sehe ich, wenn ich mir die notwendige Distanz schaffe, um gelassen zu betrachten, was sich da abspielt; das sind Prägungen, die  „in mir verortet sind“ (wie es so modisch-wissenschaftlich gern daherkommt). Was sich da zu Wort meldet, sind Mahnungen meiner Mutter (gestorben vor zwanzig Jahren), Forderungen meiner Lehrer, Gebote meines Pfarrers, dringende Wünsche meiner Ex-Gattin, Kampf-Empfehlungen von MitstreiterInnen aus längst vergangenen Tagen . Aber es kann doch, zumindest heute, kein Mensch (außer mir selbst) mich zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, niemand kann mich zur Rechenschaft ziehen, bestrafen oder belohnen. Ich kann mir Zeit nehmen.

Dumm dabei ist nur: ich brauche eben auch Geld. Ich kann leider nicht in den Supermarkt da unten an der „Corinaldese“ gehen, mir an der bestens sortierten Fleischtheke ein Kilo köstlich magerer spezzattini abwiegen lassen, zwei Bistecche di Lombo dazu und ein paar knackige salsicce, und dann an der Kasse – auch mit Blick auf die anderen leckeren Dinge in meinem Einkaufswagen – sagen: nehmen Sie doch bitte als Bezahlung hierfür einfach sieben Stunden und achtundzwanzig Minuten  meiner Zeit…

Geld regiert die Welt, heißt es. Wenn es – nochmal gesagt – stimmt, dass Zeit Geld ist, regiert also Zeit die Welt. Ich habe Zeit. Aber natürlich regiere ich nicht die Welt. Mehr und mehr kommen mir beim Nachdenken Zweifel an dem schönen Satz da. Mir fällt etwa ein, dass „Geld zwar nicht glücklich macht, aber beruhigt“. Das kann ich von der Zeit so nicht sagen. Ganz im Gegenteil: Zeit zu haben macht mich glücklich und es beruhigt mich auch noch.

Und weiter: ich kenne Menschen – einige sogar persönlich –, die sehr viel Geld haben; aber keine Zeit.

Und weiter: ich kann durchaus jemanden auffordern, er solle sich doch einfach Zeit nehmen. Die Aufforderung, sich doch einfach Geld zu nehmen, ist entweder albern oder zynisch oder die strafbare Anstiftung zu einer kriminellen Handlung. Das Stehlen von Zeit übrigens ist nicht strafbar (und ich bedauere das schon gelegentlich, wenn es mich betrifft).

Geld oder Leben! fordert der sprichwörtliche Räuber. Zeit zu fordern käme ihm nicht in den Sinn. Was hätte er auch davon, wenn er die Zeit seines Opfers bekäme: sie ist ja nicht umzurubeln in das Geld, das er wirklich benötigt.

Schließlich:  „Mit Freud/ und Leid/ verrinnt/ die Zeit“ – diese unumstößliche Wahrheit in dem alten Freddy-Quinn-Schlager erfahre auch ich. Während ich mein eventuell vorhandenes Geld durch geschicktes Anlegen vermehren könnte, sperrt sich meine Zeit gegen vergleichbare Maßnahmen. Zeit sparen – das ist sicher ein ganz löbliches Tun; aber was hab ich denn davon? Es gibt keine Bank, die mir bei Bedarf ein paar Stunden angesparter Zeit zur Verfügung stellen würde, um – sagen wir – ein Genuss versprechendes Zusammensein mit wem auch immer zu verlängern.

Geld ausgeben – damit habe ich kein großes Problem. Meine Rente (schmal, aber ausreichend) kommt pünktlich (noch! – was der Herr Müntefering in letzter Zeit so zusammensozialdemokratisiert, muss einem eigentlich große Angst machen), und wenn ich will oder muss, kann ich mir ja was dazu verdienen.

Aber meine Zeit ist wie Erdöl: eine begrenzte Ressource, sie geht irgendwann zu Ende; wahrscheinlich schneller als das zähflüssige sogenannte schwarze Gold, um das in aller Welt Kriege geführt werden.

Schluss jetzt! Woher weiß ich denn, ob Sie genug Zeit haben, das zu lesen! Immerhin: es kostet ja nichts. Denn – wie Sie spätestens jetzt, nach der Lektüre dieser Zeilen wissen – der Satz „Zeit ist Geld“, der stimmt einfach nicht.

1. Februar 2006



Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio