Wer den "TransDemokraten" bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung fort. 
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Nr.12  - 2006

 

  Persönliche Anmerkungen 


Das Jahr 2006. Länger als zwei Jahre lebe ich jetzt schon hier in Italien, mehr als in der alten BRD. Ein neues Zuhause, neue Nachbarn, ich lebe mich ein, wenn auch vieles noch nicht wirklich vertraut ist: die Sprache zeigt gnadenlos, wie wenig ihrer Feinheiten ich kenne, seit ich über das „Basic“ hinausgekommen bin; die Rituale, nicht nur die religiösen sind noch oft obskur; die Einschätzung der gesellschaftlichen und politischen Vorgänge bleibt schwierig.

 

Es war eine Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich wusste ja, ich würde bleiben, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher.

 

Auch nach zwei Jahren noch dominiert das Herantasten an das Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen Unterschiede.

Und weiterhin eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte, Beobachtungen: die Persönlichen Anmerkungen.

Notizen (32):

Dass früher alles besser war…

 

Dass früher alles besser war, wussten die Alten schon immer. Also weiß ich es heute auch. Und meine Kinder werden, wenn ich es nach einem passenden einleitenden Seufzer ausspreche, mild lächelnd schweigen oder sich vielleicht aufregen. So wie ich vor Jahrzehnten, wenn ich diesen Satz von meiner Mutter oder meinem Großvater hörte. Also behalte ich es lieber für mich.

 

Es zu sagen bringt ja auch genau so viel wie die Feststellung, dass ein deutscher Ex-Regierungschef – genau: der mit den gerichtsbestätigt ungefärbten Haaren – als Jusochef schon genau so ehrlich und anständig war wie später als unbeugsamer Friedenskanzler. Die Menschen, die das hören, werden mild lächelnd schweigen oder sich vielleicht auch aufregen. Deswegen wird er trotzdem Ehrenbürger von Hannover und mehrfach überbezahlter Aufsichtsrat im internationalen Gas- und Medienbusiness und gehört damit zu den wenigen Menschen in der neuen BRD, die sagen können, dass heute alles besser ist; für sie.

 

Für Christen hinwiederum ist der unaufhaltsame Abstieg gottgegeben. Dass in der Sicht von Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies früher alles besser war, st klar. Und weil sich seither jede Generation einen oder mehrere Schritte weiter von den Wünschen – präziser: Geboten – des Herrn entfernt hat, ist die tiefe Traurigkeit heutiger Paratzeniker oder ProtesTanten und –Onkels ganz nachvollziehbar. Aber: die Zahl der sich als Christ bezeichnenden Menschen nimmt rapide ab und die der wirklichen Christen war eh stets minimal. Selbst wenn ich noch Christ wäre, hätte ich schwere Zweifel, ob ein solcher im Weltmaßstab zur Bewertung der Dinge das Recht hätte.

 

Und dann lese ich gerade in der SZ vom 2. März 2006 etwas über George Dabbeldu Bush, was mich völlig verwirrt. Ich weiß, dass dieser Mann so christlich denkt, lebt und handelt, dass es nur so scheppert (auf der ganzen Erde). Und nun wird er von der Zeitung zitiert mit dem Satz „Die Welt ist ein besserer Ort geworden.“

 

Ja wie dann jetzt?? Das ist ja, als würde ein überzeugter, aufrechter Sozialist wie – nein!! Nicht schon wieder Schröder!!! – wie Tony Blair den mehr oder weniger lieben Gott als Zeuge dafür anrufen, dass der Irak-Krieg so jesusmäßig richtig war wie all die anderen Angriffskriege der letzten Jahre. Wie?? Blair hat das tatsächlich….? Is ja n Ding! Jetzt fehlt bloß noch, dass Berlusconi sich mit Jesus himself vergleicht! – Äh – auch schon passiert? Ohne größere Proteste aus Rom, Köln und Mainz? Dann war – entgegen meinem bisherigen Wissensstand – Jesus also kein softer Prae-Hippie mit kryptokommunistischen Flausen im raffaelischen Kopf, sondern ein Milliardär gewordener ehemaliger Kreuzfahrtschiffunterhaltungspianist mit Verbindungen zu P2 und Mafia.

 

Ach herrje(sus)! Was fange ich mit diesen neuen Erkenntnissen jetzt an? Ist die Welt nun doch ein besserer Ort, obwohl Bush nicht Klavier spielen kann? Hat Schröder am Irakkrieg der Amis doch teilgenommen, obwohl Joschka Fischer nie in den Verdacht geraten ist, sich die Haare zu färben? Wird Berlusconi wiedergewählt, obwohl Helmut Kohl den Gegenkandidaten Prodi unterstützt?

 

Fragen über Fragen. Und die Antwort? Das, immerhin, ist klar: die Antwort weiß ganz allein der Wind. Und sie lautet: 42. Oder anders ausgedrückt: früher war alles besser.

6.3.2006



Und - weil der hier in den Marken schon mächtig herbeidrängende Frühling Lust am Reisen weckt - der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio