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Wer den
"TransDemokraten" bis
zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an die
Kolumne "Persönliche Anmerkungen". Viele haben bedauert, dass sie nicht
mehr erschienen. Ab jetzt gibt es sie wieder, ich setze die laufende Zählung
fort. |
Nr. - 2006 |
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Das Jahr 2006. Länger als zwei Jahre lebe ich jetzt schon hier
in Italien, mehr als in der alten BRD. Ein neues Zuhause, neue Nachbarn, ich
lebe mich ein, wenn auch vieles noch nicht wirklich vertraut ist: die Sprache
zeigt gnadenlos, wie wenig ihrer Feinheiten ich kenne, seit ich über das
„Basic“ hinausgekommen bin; die Rituale, nicht nur die religiösen
sind noch oft obskur; die Einschätzung der gesellschaftlichen und politischen
Vorgänge bleibt schwierig. Es war eine Herausforderung, selbstgewählt: sich einlassen auf
radikale Veränderung. Neugier und Spannung, zugleich die alten Ängste. Ich
wusste ja, ich würde bleiben, der ich war. Was und wie ich geworden bin, kann
ich nicht ablegen. Ich habe mich mitgenommen hierher. Auch nach zwei Jahren noch dominiert das Herantasten an das
Andere, es erfahren, erleben, verarbeiten, täglich neu der Versuch, es zu
begreifen. Die kleinen Banalitäten ebenso wie die existenziellen
Unterschiede. Und weiterhin eine Hilfe dabei: Reflexionen, Notizen, Berichte,
Beobachtungen: die Persönlichen Anmerkungen. |
Notizen (33):
Il Troppismo
Das ist ja vielleicht ein bisschen vermessen: ein neues italienisches Wort zu erfinden. Aber ich versuche es. Den Anstoß dazu gab der Begriff „menefreghismo“, aufgetaucht in dem Roman, den ich vor kurzem las. Me ne frega, das heißt in etwa: Geht mir am Arsch vorbei. Aus dieser ziemlich rüden Redewendung wurde ein Substantiv gebildet, das sogar im PONS Kompaktwörterbuch Italienisch zu finden ist, wo es mit „(zynische) Gleichgültigkeit“ übersetzt und damit ein bisschen entschmutzt wird. Mir gefiel das sehr gut. Und so kam ich auf die Idee, aus dem Begriff troppo („zu viel“) das Hauptwort troppismo zu formen.
Es wäre sicher auch denkbar, einfach von „Übertreibung“ zu reden. Aber in troppismo ist für mich mehr enthalten. Beispiel: das Adagio ist im Großen und Ganzen fertig. Es gibt natürlich immer noch zu tun, ergänzen, verbessern, verschönern. Aber dieser gewaltige Berg an Arbeit, aus einer, ja: einer Ruine ein bewohnbares Haus mit attraktiven, von allen bisherigen Mietern mit Begeisterung aufgenommenen Ferienappartements zu schaffen; diese gut zwei Jahre andauernde, immer nur mal kurz unterbrochene Schafferei, physisch bis zur Erschöpfung, geistig bis an die Grenzen von Gestaltungsphantasie und Logistik gehend und psychisch belastend wie, sagen wir mal: das Überleben eines Tsunami; das alles ist vorbei, überstanden, bewältigt.
Und dann eben doch nicht das eigentlich zu erwartende Sich-Zurückziehen, Ausruhen, Genießen des Erreichten, die Verwirklichung der Vorstellung, einen Gang – oder auch zwei oder drei – zurückzuschalten. Stattdessen wie im Hamsterrad das Weiterstrampeln. Beginnend nach dem Frühstück, nur kurz unterbrochen durch den Mittagsimbiss und die Siesta, durchgehend bis zum Abendessen und oft darüber hinaus: Gras und Unkraut, in ungeahnte Höhen gewachsen, mit Motorsense und Rasenmäher niederzumachen; neue Pflanzen in den Boden setzen; Schäden an Wänden ausbessern; nach passenden – und erschwinglichen – Möbeln für die Appartements suchen ; den Ausbau der Terrasse und des Parkplatzes organisieren; dazu Computerarbeiten wie das Aktualisieren der Homepage, Suchmaschinen beliefern, überhaupt Werbung betreiben und… und… und das alles fast wie in einem Rausch, Arbeit als Droge, scheinbar unbremsbar, immer natürlich mit bestechenden Argumenten gerechtfertigt. Aber eben einfach – troppo; zu viel.
Dass es zu viel ist, signalisiert der Rücken, eine Mahnung auch die spürbare Erschöpfung, manifest etwa in der Beobachtung, dass ich seit Wochen nichts mehr geschrieben habe. Dazu dann der irgendwann aufgekommene Verdacht, das sei im Grund nichts anderes als der frühere, von mir selbst mir auferlegte Leistungsdruck protestantischer Provenienz.
Ja bin ich denn blöde?? Dafür bin ich doch nicht hierher gekommen, in diese lächelnde Landschaft mit noch vielfach eher heiteren Menschen und einer bukolischen Lebensart! Dieser troppismo, eine italienische Schaffeschaffehäuslebaue-Manie, selbstauferlegt und selbstzerstörerisch wie das Rauchen (und wie diese Sucht scheinrationalisiert mit leicht erkennbar albernen Argumenten) bringt es nicht, im Gegenteil. Und deshalb der Kampfruf: abbasso il troppismo – nieder mit dieser Zuvielsucht! Mich wieder besinnen auf das Motiv zu Beginn der Zeit hier in den Marken: vivere – leben.
Avanti!
4. Mai 2006
Und, wie immer, der
Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio