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Nr. 52 - 2009 |
Wer den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an
die Kolumne "Persönliche Anmerkungen" mit Reflexionen, Anmerkungen,
meine Beobachtungen hier in den Marken, aus der Distanz zu meiner alten
Heimat. Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Seit
Januar 2005 gibt es sie wieder, ich habe die laufende Zählung
fortgesetzt.
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Die bisher erschienenen Notizen 20 bis 51 sind nachzulesen im
Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio |
Notiz 52:
Visionen u. a.
Vorgestern hatte ich eine Vision. Ich bin darüber furchtbar erschrocken, weil ich sofort an die ernste Warnung von Helmut Schmidt denken musste: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Schon gestern also ging ich zum Arzt. „Was?!“ schrie der. „Wegen so was Lächerlichem kommen Sie zu mir? Sind Sie verrückt?“ Ich stotterte, unser kleinster Kanzler vor Gerhard Schröder hab doch… „Hören Sie auf!“ Der Arzt winkte ab und sprach jetzt sehr leise. „Sie haben doch mein Wartezimmer gesehen. Überfüllt ist untertrieben. Und alle da draußen haben das HSS. Das Helmut-Schmidt-Syndrom.“ Und er erläuterte es mir. Von den vielen bedeutenden Worten des Ex-Regierungschefs waren die allerbedeutendsten diese: ‚Etwas lernen, etwas leisten, gut verdienen, anständig und ehrlich seine Steuern bezahlen, ordentlich was auf die hohe Kante legen – und im Übrigen das alles nicht übertreiben, damit man genug Zeit und Muße hat, sich der weiß Gott angenehmen Seiten, die es ja auch noch gibt, des Lebens zu erfreuen. Wenn das jedermann täte, wobei ich noch hinzufügen würde – außerdem noch SPD wählen und die Gewerkschaften stützen – dann wäre die Gesellschaft besser dran als sie bisher war.’ „Und heute, “ keuchte der Arzt, den Tränen nahe, „heute habe ich diese ganzen HSS-Patienten. Die junge Frau, die etwas lernen will, aber keinen Studienplatz kriegt. Der 40jährige Familienvater, der etwas leisten möchte, aber dessen Firma Pleite ging. Die Journalistin, die gern gut verdienen würde, aber ihre kritischen Themen nicht mehr los wird. Menschen, die anständig und ehrlich Steuern bezahlen wollen, aber nicht, um damit die Boni der blöden Bankenbosse zu garantieren. Der Harzt-IV-Opa, der ordentlich was auf die hohe Kante gelegt hat, und das jetzt aufbrauchen muss, ehe er ein bisschen Stütze bekommt. Und vor allem – jetzt schrie der Doktor wieder – die vielen tausend SPD-Wähler, die täglich aufs Neue hören, sehen und lesen, wohin das geführt hat!!“ Ich fragte schüchtern, was er denn mit all seinen Patienten anstelle. „Ja, was wohl!“ knurrte er. „Sedativa. Wetten-dass-forte, zum Beispiel. Oder Tranquilizer: Sportschau regular dreimal täglich, WM, EM, Ski-Bob, Drachenflug-Junioren-Regionalmeisterschaften in Südostasien. Vor allem: Talkshows, mit Politikern möglichst, das wirkt besser als Valium. Natürlich, das weiß ich auch, das alles doktert an den Symptomen rum. Aber es weiß ja keiner, wie man die Ursachen kurieren könnte. Also, was sagen Sie nun, Sie… Sie… harmloser irrer Visionär?“ Ich sagte nichts mehr außer Danke und Ciao. Dann ging ich gesenkten Kopfes aus der Praxis, vorbei an den Scharen der Wartenden, die in die zehn aufgestellten Fernsehapparate glotzten oder in die Modezeitschriften oder die katholischen und evangelischen Gemeindeblätter oder die Sex-light-Heftchen. Und ich ging nach Hause, ins Adagio. Als ich dort aus dem Fenster schaute, sah ich unseren kleinen, ganz weißen Kater Mikado in der Frühlingssonne auf dem frischgrünen Gras sitzen. Geduckt, angespannt, ein bisschen ratlos wie es schien, starrte er auf etwas, das er in seinem knapp einjährigen Leben noch nie gesehen hatte: zwei Meter von ihm entfernt stand ein prächtig-bunter, großer Fasan. Ebenfalls verunsichert, wie ich aus den gelegentlichen ruckartigen Bewegungen seines Halses und Kopfes schloss. Nach einigen Minuten öffnete ich das Fenster, um die Szene zu fotografieren – da flog der Fasan mit schwerem, elegantem Flügelschlag über die Hügel davon. Mikado war von neuem verdutzt. Er verstand immer noch nicht, was das gewesen war, rannte hin und her, starrte in Luft und kam schließlich ins Haus, um etwas zu fressen. Ich dagegen verstand. Das war keine Vision gewesen, das war die Realität hier in den italienischen Marken. Und jetzt fiel mir auch nicht mehr Helmut Schmidt ein, schon gar nicht Helmut Kohl und auch nicht Angela Merkel oder – Herr im Himmel! – Guido Westerwelle. Mir fiel etwas ganz anderes ein: ein Song der Beatles, in dem mich beschrieben fühle: mit einem sardonischen Grinsen sitze (auch) ich hier in den marcheggianischen Hügeln, schaue dem Untergang der Sonne zu, und wenn ich Zeitungen lese oder auf dem Computer die immer neuen immer gleichen Krisen-Nachrichten, dann sehe ich diese unsere Welt taumeln – ich, der Narr, der „Fool on the Hill“. 6.3.09
Für alle, denen der Song „Fool on the Hill“ unbekannt oder nicht mehr geläufig ist - zu finden auf meiner Lieblingsscheibe der Beatles „Magical Mystery Tour“ - hier der Text:
Day after day, |