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Nr. 59- 2010 |
Wer den "TransDemokraten"
bis zu seinem (unbitteren) Ende gelesen hat, erinnert sich vermutlich an
die Kolumne "Persönliche Anmerkungen" mit Reflexionen, Anmerkungen,
meine Beobachtungen hier in den Marken, aus der Distanz zu meiner alten
Heimat. Viele haben bedauert, dass sie nicht mehr erschienen. Seit
Januar 2005 gibt es sie wieder, ich habe die laufende Zählung
fortgesetzt.
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Die bisher erschienenen Notizen 20 bis 58 sind nachzulesen im
Und, wie immer, der Tipp: mal wieder reinschauen bei Adagio |
Notiz 59: Ein Tod in den Marken Wie in einer Schreinerei sei das gewesen, ein Hämmern – wummwummwumm! - und Sägen, außerdem habe ein Radio gespielt, und da seien so bekannte Lieder gelaufen, dass sie einfach mitsingen musste; und der Herr Professor habe auch mitgesungen, so ein bisschen. Nein, kein Problem, alles wunderbar! Unsere Nachbarin M. strahlt, als sie
das erzählt und damit unsere Frage beantwortet, wie es ihr ergangen
sei, da in der Nähe von Rimini, wo sie letzte Woche war, in diesem
Mai 2010. Es war kein Urlaub am Meer, dazu ist es noch viel zu kalt
auch hier, dieses Jahr. Außerdem ist M. über 70 und Rentnerin und
einen Urlaub bei Rimini könnte sie sich nicht leisten. Sie war dort
vielmehr in einer Klinik, wo ihr ein neues rechtes Hüftgelenk
eingesetzt wurde. Unter örtlicher Betäubung. Sonst hätte sie das
alles ja auch nicht mitbekommen, was sie da eben erzählt hat,
strahlend, laut lachend, glücklich, dass sie so schnell wieder zu
Hause sein kann und ohne die Schmerzen, die sie vorher kaum mehr
schlafen ließen. Italien – genauer: die Marken, also
jene noch immer weithin so unbekannte, vom Tourismus noch nicht
entdeckte Region zwischen Adria und Apennin – ist seit Jahren unser
Lebensmittelpunkt, also nicht mehr Ferien- oder Urlaubsort. Und so
lernen wir eben auch jene Aspekte kennen, auf die man nicht achtet,
wenn man irgendwo Urlaub macht (und Glück hat): Alltagssorgen;
schwer zu lösende Probleme; Streit, z.B. mit Handwerkern; schlimmes
Wetter; Krankheiten; Tod. Hier: P. hat uns eingeladen. Um vier
Uhr nachmittags sollten wir kommen, in die Camera Mortuaria (ganz
wörtlich: Totenkammer). Ein schlichter, nüchterner Raum im
Krankenhaus, wo die Mutter am Morgen starb. Hier liegt sie nun,
aufgebahrt im Sarg. Um den Mund dieser spöttische Zug wie immer,
auch beim letzten Abendessen vor wenigen Wochen. Ich saß an ihrer
Seite, sie hatte es bestimmt, so wie sie es gewohnt war, zeitlebens. Am nächsten Tag, um halb zwei Uhr
nachmittags, erneut in der Camera Mortuaria, noch eine Stunde Zeit -
bis zur Endgültigkeit: ein riesiger weißer Mercedes mit Kreuz auf
dem Dach fährt vor. Sachliche Männer entsteigen, mit Papieren,
Köfferchen. Nach endlosen zehn Minuten, in denen P. allein da
drinnen ist, wird der geschlossene Sarg herausgefahren und in den
Mercedes geschoben. Aus dem Schatten der Pinien im Hof des
Krankenhauses gleitet der Wagen hinaus auf die Straßen von
Senigallia. Dann zum Friedhof, etwas außerhalb von
Senigallia, wunderschön auf einer Anhöhe gelegen. Hinter dem
prunkvollen Mercedes ein paar betagte Kleinwagen, zwei
Mittelklasse-PKWs, ein SUV. Lang der Weg vom Parkplatz zu dem
mehrstöckigen Grabhaus. In der dritten Etage ist ein Schacht offen.
Auch heute strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Quälend lang
dauert auf einem altertümlichen Hebegerät das Hochpumpen des
Sarges. Als er dann mit einiger Mühe hineingeschoben ist, beginnt
ein geübter Maurer die Öffnung zu schließen, zügig Stein um
Stein, der Zement mit der Kelle, der Glattstrich. Der
Beerdigungsunternehmensbeauftragte im korrekten Anzug mit Krawatte –
als einziger hier – beobachtet, bittet schließlich P. um die
Unterschrift: alles in Ordnung. Tutto a posto. Nur die Tante will es
noch immer nicht glauben. Mit leergeweinten Augen starrt sie in die
Höhe: É morta, murmelt sie, mia sorella, é morta. Am Abend treffen wir sie und P. und seine Freundin in einem Restaurant in Corinaldo zum Essen. Das wiederum ist so ähnlich wie der Leichenschmaus in Deutschland, auch Scherze haben zunehmend ihren Raum. Das Essen ist gut, der Wein ist gut, die Tante nimmt als einzige auch ein Dessert. Espresso für uns alle. Ein Varnelli, ein Grappa. Gegen elf der Abschied: Ci vediame, a presto, wir sehen uns bald wieder! Der Satz ist so banal, weil er so wahr ist: das Leben geht weiter. 08.06.2010 |