ITA ING DEU

Notiz 64: Stars unter sich

Das habe ich ja nun seit Jahrzehnten nicht mehr gehabt, und auch früher nur ganz selten, zum Beispiel mal beim Festival „Künstler für den Frieden“ 1982 in Bochum. Und dann jetzt nochmal, in diesem Alter…! 

Aber genau das Alter war es, was uns zusammengeführt hat, im italienischen Badeort Senigallia, in einem kleinen Raum im Ospedale, dem Krankenhaus hier, montagmorgens um halb acht, uns vier Stars. Graue Stars nämlich, in Erwartung nicht eines spannenden dynamischen Gangs auf eine Bühne, sondern einer gemächlichen Fahrt mit dem Schiebestuhl in den Operationssaal, mit einer gewissen Spannung natürlich schon auch. Außer mir (in Bett 3) noch ein gut 80jähriger, kantiger Mann in Bett 4, mit einem markigen Gesicht wie Caesar auf diesen alten Bildern bzw. Statuen, dann in Bett 6 ein sehr schweigsamer Mensch, den ich zunächst irrtümlich für einen Albaner hielt, es war aber nur sein Name, Albanesi, und schließlich in Bett 5 ein kleinerer, quirliger, ständig zu Scherzen aufgelegter, wegen seiner Brille fast intellektuell wirkender Anzugträger. Wir vier also hatten uns nacheinander nebenan im Bad Pyjamas angezogen, erhielten nun statt des eigenen Oberteils dieses – mir um einiges zu kleine – Krankenhaushemdchen umgehängt, für mich neu: hier in Italien vorn offen. Auch recht.

Ich durfte – sollte, musste – den Anfang machen. Bekam also von der freundlichen Schwester Tropfen ins linke Auge geträufelt, dann eine Creme auf den Tränensack appliziert, damit ich den Einstich der Betäubungsspritze nicht spürte. Um es gleich vorweg zu sagen: ich habe von alledem, was folgte, überhaupt nichts gespürt, also keine Schmerzen, vielleicht mal einen leichten Druck. Und schon bald wurde ich gebeten, Platz zu nehmen in dem Rollstuhl, und hineingefahren, zum ersten Mal im Leben in einen OP, wie ich sie nur von Fotos oder aus der „Schwarzwaldklinik“ kannte. Ein vierschrötiger Mann, den ich eher als Waldarbeiter denn als Augenchirurg eingeschätzt hätte, lief schon im blauen OP-Anzug herum, den Atemschutz noch auf die Stirn geschoben, hielt kurz bei mir an, um mir zu erklären, er werde jetzt in Kürze meine alte, verbrauchte Linse aus dem linken Auge herausholen und die neue, vorbereitete hinein praktizieren. Das wusste ich bereits, aus meinen Internet-Recherchen und aus dem Vorbereitungstermin letzten Freitag. Und nach weiteren sieben Minuten ging der Meister dann ans Werk, ich wurde auf den OP-Liegestuhl gebeten und in die Horizontale gefahren, er schnallte meinen Kopf in der für ihn optimalen Position fest und legte mir dringend nahe, mich nicht weiter zu bewegen. Von da an sah ich nicht mehr sehr viel, das rechte Auge war sowieso abgedeckt und mit dem linken nahm ich nur sehr viel gleißendes Licht wahr – ein letztes Mal diese Parallele von wegen Bühnenauftritt… Dazu die knappen Sätze, die man ja aus diesen vielen schönen Filmen kennt, wie „Schwester, Tupfer!“ oder „Die Zange bitte!“ oder „Axt“ oder „Säge“, hier natürlich auf italienisch, und wenn ich auch die Vokabeln nicht kannte, ich verstand alles.

Wie schon gesagt: gespürt habe ich nur mal einen leichten Druck, das war aber schon gegen Ende des „intervento“ (so heißt der Eingriff in der Landessprache), vermutlich als der Waldarbeiter die neue Linse in die entsprechende Halterung in meinem Auge hinein drückte, da sah ich auch ganz kurz ihn selbst – und dann war schon alles vorbei. An mich gewandt äußerte sich der Mann sehr ruhig und sachlich, es sei alles optimal gelaufen, er sei sehr zufrieden. War ich natürlich auch. Wurde alsbald von den Kopfarretierungen befreit, die OP-Liege wurde hochgefahren, ich nahm wieder im Rollstuhl Platz und wartete. Das Ganze hatte – mit Vorbereitung und alledem – vielleicht 25 Minuten in Anspruch genommen. Kurz darauf fuhr die Schwester mich wieder zurück in das Vierbettzimmer, wo schon Caesar, der nächste auf der Liste, wartete. Ich legte mich in mein Bett. Lesen sollte ich besser nicht, meinte die Schwester. Also machte ich die Augen zu und schlief auch schnell ein.

Als ich dann um die Mittagszeit erwachte, hörte ich das gedämpfte Plaudern von Caesar und dem Intellektuellen, ich verstand nur sehr wenig, weil die beiden in einem sehr heftigen Dialekt redeten. Immerhin so viel, dass Caesar fünfzig Jahre lang als Bauer gearbeitet und ein paar Jahre in Frankreich zugebracht hatte. Irgendwann fiel auch der Name Berlusconi, da tat es mir dann leid, dass ich so wenig verstand, das hätte mich ja doch interessiert. Meist aber ging es beiden, verteilt über den Lauf des Tages, um die unangenehmste Begleiterscheinung des Ganzen: dass wir vier nicht nur hatten nüchtern erscheinen müssen, sondern auch bis zur Entlassung nichts essen durften. Immer wieder knurrte Caesar „Spaghetti“, und der andere wachte mal aus einem leichten Schlummer auf und meinte, das Wasser sei doch bestimmt schon am Kochen, für die Nudeln. Heiterkeit bei allen im Raum.

Gegen halb vier dann erschien ein Pfleger, die netten Schwestern hatten leider bereits Feierabend, und der war nun eher eine Besetzung aus „Einer flog über das Kuckucksnest“. Er befahl uns, in den nächsten zehn Minuten angekleidet vor dem Zimmer am Ende des Flurs zu warten, bis wir gleich aufgerufen würden. Wir saßen dann allerdings noch ewig da herum, weil der diensthabende Doktor alle möglichen anderen Patienten vorzog. Und auch als ich dann hineingerufen wurde, hatte er allen möglichen Unsinn (Fußball z.B.) mit dem Pfleger zu besprechen, ehe er mich, recht barsch, an den Untersuchungsstuhl dirigierte, untersuchte und meine Fragen auch nur knapp und nicht besonders freundlich beantwortete. Dieser Abschluss war eigentlich, was die Organisation und den technischen Ablauf hier angeht, der einzige kleine Schönheitsfehler an dem ganzen Tag.

Mit einem dicken Mullstück unter einer weißen Plastikkappe, befestigt mit zwei breiten Streifen durchsichtigen Heftpflasters verließ ich dann das Ospedale. Weisungsgemäß entfernte ich das alles am nächsten Morgen und schmiss es in den Müll. Höchst neugierig schaute ich dann mit dem operierten Auge in den Spiegel. Ich weiß ja, wie es sich mit den Wundern verhält, gerade auch hier in der Nähe von Loreto; 

dennoch – ich habe das Ergebnis der erfolgten Prozedur schon bewundert: mein Blick, so klar wie einst, am Auge nichts zu sehen, keine noch so kleine Verletzung, nichts. Mit dankbarer Gelassenheit beschloss ich, die Zeit bis zu meinem nächsten Kontrolltermin in zehn Tagen vorschriftsmäßig zu verbringen, also keine schweren Dinge hochzuheben, mich nicht zu bücken, schon gar nicht ruckartig, nicht selbst autozufahren und vor allem alle vier Stunden die vorgeschriebenen zwei Tropfen ins Auge zu praktizieren. Und ein paar Tage danach lernte ich sogar, mir die Haare zu waschen, ohne Wasser oder Shampoo ins Auge zu lassen. „…Kopf in’ Nacken!“, dieser Rat (aus ganz anderem Zusammenhang) machte es möglich.

Und durchaus locker und unbeschwert blicke ich nun vorwärts zu dem nächsten Star-Auftritt, am anderen Auge, in – so schätze ich mal – etwa einem halben Jahr.

15.04.2011